Es gibt Burgen, die man aus der Ferne betrachtet. Und es gibt das Kastro von Ioulida, durch das man hindurchgeht — denn hier, in der Hauptstadt von Kea, haben die Bewohner ihr Dorf nicht neben der Festung errichtet. Sie haben es auf ihr, in ihr, mit ihr verbunden erbaut. Wenn man die gepflasterten Gassen von Ioulida hinaufsteigt, weiß man nicht mehr, wo das Haus des Nachbarn endet und wo die mittelalterliche Mauer beginnt. Und genau diese Verschmelzung ist das seltenste Geschenk dieses Ortes.
Ein Viertel, gebaut in die Mauern hinein
Das Kastro von Ioulida ist keine eingezäunte Ruine und keine Museumsattraktion mit Eintrittskarte. Es ist ein lebendiges Viertel. Die steinernen Bögen, die schmalen Durchgänge und die überwölbten Passagen, die einst die Türme der Festung miteinander verbanden, verbinden heute Höfe, Haustüren und Treppenstufen von Häusern, die noch bewohnt sind. Wenn man dort umhergeht, hat man das Gefühl, dass die Zeit nie in ein „Damals“ und ein „Jetzt“ zerfallen ist — sie ist einfach weitergegangen, Schicht um Schicht.
Vom antiken Ioulis zur venezianischen Festung
Die Geschichte des Hügels beginnt lange vor den Venezianern. Hier befand sich die Akropolis des antiken Ioulis, einer der vier Stadtstaaten der antiken Kea, mit Wurzeln, die bis in die Bronzezeit zurückreichen. Als der venezianische Adlige Domenico Michieli im 13. Jahrhundert die Burg errichtete, um den Ort vor Piratenüberfällen zu schützen, verwendete er großzügig das Baumaterial der antiken Stadt selbst: behauene Steine, Säulenfragmente, Spuren von Tempeln, die nun in die neuen Mauern eingefügt sind. Das Ergebnis ist ein Denkmal zweier Epochen in einer einzigen Mauer — das klassische Griechenland, das buchstäblich die mittelalterliche kykladische Verteidigung trägt.
Die Aussicht, die jede Stufe rechtfertigt
Der Aufstieg lohnt sich schon, bevor man den Gipfel überhaupt erreicht. In den Kurven des Weges erscheint und verschwindet die Kirche Agios Georgios o Palaiokastritis zwischen den Dächern, während das Geräusch der eigenen Schritte auf dem Stein zum einzigen Klang in der Umgebung wird. Am höchsten Punkt öffnet sich der Blick auf den Hafen von Korissia und das endlose Blau der Ägäis, mit Attika, das sich verschwommen am Horizont abzeichnet — eine Erinnerung daran, wie nah und zugleich wie fern man sich befindet.
Stille, Licht und das Gefühl des Authentischen
Hier trifft man weder auf Warteschlangen noch auf Souvenirstände. Man trifft auf den Duft des von der Sonne erwärmten Steins, auf den Schatten, den ein Bogen auf die kleine Gasse wirft, vielleicht auf eine Katze, zusammengerollt in einer Nische der Mauer. Ioulida stellt sich nicht zur Schau; sie offenbart sich langsam, jedem, der die Geduld hat, sie im eigenen Tempo zu durchwandern.
In Ioulida besucht man keine Burg; man lebt für eine Weile in ihren Knochen.Alter Ausdruck der Bewohner der Chora
Wenn man das Kastro verlässt, nimmt man etwas mit, das schwerer zu benennen ist als ein Foto: das Gefühl, dass auf Kea Geschichte nicht ausgestellt wird — sie wird bewohnt.
Nützliche Informationen
- Das Kastro liegt auf der Anhöhe von Ioulida (Chora von Kea) und ist nur zu Fuß durch die Gassen der Siedlung erreichbar.
- Der Zugang ist frei und ohne feste Öffnungszeiten, da es sich um eine lebendige Siedlung innerhalb des Denkmals handelt.
- Tragen Sie bequeme, rutschfeste Schuhe — die Strecke führt bergauf, über Kopfsteinpflaster und Treppen.
- Bevorzugen Sie die Morgen- oder Nachmittagsstunden für Kühle und besseres Licht bei der Aussicht auf Korissia.
- Der Spaziergang lässt sich leicht mit einem Rundgang zu den übrigen Sehenswürdigkeiten von Ioulida verbinden, da alle in geringer Gehentfernung liegen.