Man fährt die Straße von Kato Gialos hinauf, und irgendwo auf etwa 400 Metern Höhe taucht plötzlich ein Bild auf, das man – ohne es zu wissen – schon tausendmal gesehen hat: ein schneeweißes Häusergewirr, das sich an den Hang schmiegt, Windmühlen auf dem Kamm des Hügels und, hoch oben, das mittelalterliche Kastro, das sich scharf gegen den Himmel abzeichnet. Das ist Chora auf Amorgos – eines der schönsten Dörfer der Kykladen, und mit Sicherheit eines der authentischsten.
Verloren in den Gassen
Lass das Auto am Ortseingang stehen – hier kommt man damit nicht hinein. Dieses kleine Verbot ist das große Geheimnis von Chora: ohne Autos ist die kykladische Architektur unangetastet geblieben, so wie sie Jahrhunderte der Furcht vor Piraten und des Bedürfnisses nach Schutz geformt haben.
Geh unter den steinernen Torbögen hindurch, dort, wo das Licht sich verengt und plötzlich wieder aufbricht. Bieg irgendwo ab, ganz ohne Plan. Du wirst auf einem winzigen Platz landen, an dem Bougainvillea von den Mauern herabfällt, vor einer gewölbten kleinen Kirche mit frisch gekalkter Schwelle, an einer Treppe, die scheinbar ins Nichts führt. In Chora ist es kein Fehler, sich zu verlaufen – es ist die einzige Art, den Ort wirklich zu verstehen.
Hoch oben am Kastro
Auf der Spitze des Ortes steht das Kastro, der Felsen, auf dem im 13. Jahrhundert, zur Zeit der venezianischen Herrschaft, das mittelalterliche Chora erbaut wurde. Der Pfad hinauf ist kurz, aber steil – jede einzelne Stufe lohnt sich.
Von oben breitet sich die ganze Insel zu deinen Füßen aus: die Hänge, die zum Meer hin abfallen, die kleinen Nachbarinseln in der Ferne, das tiefe Blau, das Amorgos berühmt gemacht hat. Sofort begreift man, warum die Bewohner ausgerechnet diesen Platz wählten: Von hier aus sah man den Feind kommen, lange bevor er ankam.
Das Leben des Dorfes
Chora ist kein Museum – es ist ein lebendiges Dorf. Am Morgen hört man Türen aufgehen, Stimmen in den Kafenia, den Kaffee, der gemächlich serviert wird. Traditionelle Kafenia mit Marmortischchen, kleine Läden mit lokalen Produkten und Tavernen mit hausgemachten Rezepten geben den Takt vor.
Doch erst am späten Nachmittag erwacht Chora wirklich. Sobald die Hitze nachlässt, füllen sich die Plätze, die Tische werden nach draußen gestellt, und abends verwandelt sich der Ort in eine erleuchtete Kulisse, in der die Zeit im Rhythmus der Insel verstreicht. Probiere lokale Köstlichkeiten – von Rakomelo bis zu Xerotigano und den frischen Erzeugnissen der Erde von Amorgos.
Der Sonnenuntergang der Windmühlen
Kurz bevor die Sonne untergeht, steig hinauf zu den Windmühlen auf dem Hügelkamm. Einst mahlten sie das Korn der Insel; heute stehen sie als stille Wächter über Chora.
Setz dich auf einen Stein, wende dein Gesicht nach Westen und lass das Licht sich verändern. Die weißen Häuser färben sich rosa, dann golden, dann tiefblau. Es ist der Moment, in dem Amorgos dir zeigt, warum sich die Reise gelohnt hat.
Nach Chora auf Amorgos geht man nicht, um etwas Bestimmtes zu sehen – man geht, um sich zu erinnern, wie die Kykladen waren, bevor sie es eilig hatten.Reisetagebuch
Chora versucht nicht, dich zu beeindrucken. Das hat es auch nicht nötig. Es bewahrt seine Architektur, seinen Rhythmus, seine Seele unangetastet – und schenkt dir dafür, ganz freigebig, ein Stück des authentischen Kykladen-Lebens, das anderswo fast verloren gegangen ist.
Nützliche Informationen
- Der Ort ist autofrei: Lass dein Auto am Eingang stehen und erkunde ihn zu Fuß.
- Trag bequeme, rutschfeste Schuhe – die Gassen haben Stufen und glatt gescheuertes Pflaster.
- Steig früh am Morgen oder spät am Nachmittag zum Kastro hinauf, um der Hitze zu entgehen.
- Reserviere dir den Sonnenuntergang an den Windmühlen – komm 20 bis 30 Minuten vor Sonnenuntergang.
- Chora erwacht am Nachmittag und am Abend – dort schlägt das Herz des Dorfes.
- Von Chora aus starten Wanderwege zum Kloster Chozoviotissa und zu weiteren Orten der Insel.