Man betritt einen Saal, und das Erste, was man spürt, ist die Stille. Nicht die leere Stille eines unbewohnten Raumes, sondern jene dichte, geladene Stille, die nur Orte besitzen, an denen etwas Bedeutendes geschehen ist. Ringsum blicken einen Gesichter aus Gips mit pupillenlosen Augen an, Hände aus Marmor verharren schwebend in einer Bewegung, die sich nie vollendet. Man befindet sich im Museum der Tinioten Künstler, im Herzen von Tinos — einer Insel, die man vor allem für die Panagia und ihre Wallfahrten kennt, die jedoch eines der dichtesten künstlerischen Erben des gesamten griechischen Raums in sich birgt.
Eine Insel, die Bildhauer hervorbrachte
Tinos ist nicht nur die Insel der 750 Kirchen und der eindrucksvollen Taubenhäuser. Sie ist vor allem die Insel des Marmors. In den Dörfern Panormos und Ysternia verbrachten ganze Generationen ihr Leben mit der Bearbeitung des Steins — zunächst als einfache Marmorhandwerker, später als Künstler, die der neugriechischen Bildhauerei ihren unauslöschlichen Stempel aufdrücken sollten. Es ist kein Zufall, dass die Mehrheit der bedeutenden griechischen Bildhauer des 19. und 20. Jahrhunderts genau aus diesem Flecken Erde stammt.
Das Museum, untergebracht im Hofbereich einer der wichtigsten geistigen Institutionen der Insel, funktioniert wie eine kleine, dichte Landkarte dieser Tradition. Es braucht keine großen Säle oder spektakulären Vitrinen; seine Kraft liegt in der Dichte und Authentizität der Werke, die es beherbergt.
Gips und Marmor: die Modelle eines Lebens
Was diese Sammlung besonders macht, ist die Präsenz der Gipsmodelle neben den fertigen Marmorwerken. Hier sieht man den Prozess, nicht nur das Ergebnis. Die Modelle von Giannoulis Chalepas — dem tragischsten und zugleich bedeutendsten Bildhauer, den Tinos je hervorgebracht hat — stehen wie der Abdruck eines Gedankens, bevor er im Stein dauerhaft wurde. Daneben fügen sich Werke von Sochos, Voulgaris, Fytalis, Vitalis, Lameras, Filippotis und Lampaditis zu einer Landkarte von Namen zusammen, die man, sucht man sie, auf Plätzen, Friedhöfen und in Museen in ganz Griechenland findet — von der Schlafenden auf dem Ersten Friedhof Athens bis zu den klassizistischen Bauten der Hauptstadt.
Legen Sie gedanklich die Hand auf eine dieser Oberflächen. Spüren Sie, wie nah Sie einem Stück Geschichte sind, das man sonst nur auf Fotografien in Kunstbüchern sieht.
Die Farben der Tinioten Maler
Die Skulpturen stehen nicht allein. Sie werden gerahmt von Gemälden bekannter Tinioter Maler, die ein ebenso bedeutendes Kapitel der neugriechischen Malerei schrieben: Nikolaos Gyzis mit seinem tiefen symbolistischen Blick; Nikiforos Lytras, der Vater der griechischen Genremalerei; sein Sohn Nikolaos Lytras; Periklis Lytras; sowie Werke von E. Lambakis und M. Renieris. In diesem Nebeneinander von Bildhauerei und Malerei verbirgt sich etwas Seltenes: die Möglichkeit, im selben Raum zu sehen, wie dieselbe Insel im selben Jahrhundert zwei völlig verschiedene Künste mit derselben Intensität an Talent nähren konnte.
Eine Sammlung aus Liebe, nicht aus Kauf
Das bewegendste Element dieser Sammlung ist nicht künstlerischer, sondern menschlicher Natur: Die Werke wurden nicht gekauft, sondern gestiftet. Künstlerfamilien, und mitunter die Schöpfer selbst, entschieden sich, Teile ihres Werks dem Ort zurückzuschenken, der sie hervorgebracht und ihr Auge und ihre Hand geschult hatte. Es ist eine Geste, die zeigt, wie tief Tinos im Bewusstsein ihrer Kinder verwurzelt bleibt, selbst wenn diese fernab, in Athen oder im Ausland, lebten und schufen.
Marmor ist kein Material. Er ist Erinnerung, die darauf wartet, Gestalt anzunehmen.Traditionelle Redewendung der Marmorbildhauer von Tinos
Ein Halt, der den Blick auf die Insel verändert
Wer Tinos nur wegen der Wallfahrt besucht, reist mit einem Bild ab. Wer jedoch diesen Saal betritt, reist mit einem Verständnis ab: dass Glaube und Kunst auf dieser Insel keine zwei getrennten Dinge sind, sondern Facetten derselben tiefen Beziehung zur Schönheit und zum Transzendenten. Die Hände, die die Türstürze der Inselkirchen meißelten, sind dieselben Hände — oder Nachfahren derselben Hände —, die Werke von nationaler Bedeutung schufen.
Beim Weggehen trägt man mehr als Bilder mit sich. Man trägt das Gefühl, dass Kunst, wenn sie aus dem Stein eines Ortes geboren wird, diesen nie wirklich verlässt.
Nützliche Informationen
- Das Museum befindet sich im Hofbereich einer geistigen Institution in der Chora von Tinos — erkundigen Sie sich beim örtlichen Tourismusbüro oder am Eingang nach den aktuellen Öffnungszeiten.
- Verbinden Sie den Besuch mit einem Spaziergang durch die marmorgepflasterten Gassen der Chora, wo Sie Beispiele volkstümlicher Marmorbildhauerei an Türstürzen und Balkonen sehen können.
- Ein kleiner Ausflug nach Pyrgos und Ysternia — Geburtsorte vieler Künstler der Sammlung — vervollständigt das Bild mit dem örtlichen Museum der Marmorkunst.
- Bevorzugen Sie Vormittags- oder Nachmittagsstunden außerhalb der sommerlichen Hochsaison für eine ruhigere Besichtigung.
- Der Eintritt wird meist mit einem Besuch des weiteren kulturellen Bereichs der Institution kombiniert — fragen Sie nach einem Kombiticket.