Man steigt hinauf nach Pyrgos, und etwas verändert sich in der Luft. Es ist nicht mehr nur das salzige Aroma der Ägäis; es ist ein feiner, fast unsichtbarer Marmorstaub, der sich auf jedem Stein, jedem Türsturz, jedem Hoftor des Dorfes niedergelassen zu haben scheint. Hier, im Herzen des „marmornen” Tinos, befindet sich das Museum Tiniotischer Künstler – ein Ort, klein an Größe, doch gewaltig an Bedeutung, denn er beherbergt Werke der Menschen, die die griechische Bildhauerei für immer verändert haben.
Das Dorf, das Bildhauer hervorbrachte
Pyrgos ist kein beliebiges Bergdorf der Kykladen. Es ist der Ort, an dem seit dem 19. Jahrhundert die berühmte Schule der Schönen Künste wirkte und Generationen von Marmorbildhauern hervorbrachte, die bis zur Akademie von Athen und in die großen europäischen Ateliers gelangten. Wandert man durch seine Gassen, sieht man über jeder Tür geschnitzte Türstürze, reliefartige Tauben und Weinranken, von anonymen Handwerkern in den Stein gemeißelt. Das Museum ist also kein isoliertes Ausstellungsgebäude; es ist die natürliche Fortsetzung eines Ortes, der Marmor atmete – und noch immer atmet.
Gesichter, die Geschichte schrieben
In den Sälen des Museums begegnet man Werken und persönlichen Gegenständen von Giannoulis Chalepas, dem bedeutendsten griechischen Bildhauer, geboren genau hier, in Pyrgos. Neben ihm setzen die Namen von Dimitrios Filippotis, Lazaros Sochos, L. Doukas, I. Voulgaris, G. Vitalis, I. Kouloouris, I. Kaparias, Iakovos Rigos, Lefteris Valakas, Avgerinos Filippotis, G. Vamvakas und K. Spourdos eine Landkarte von Schöpfern zusammen, die, auf derselben Insel geboren, das Gesicht der neugriechischen Bildhauerei prägten. Man steht vor Gipsmodellen, vor Vorbereitungsskizzen, vor Werkzeugen, abgenutzt durch Jahre der Arbeit, und begreift, dass die Kunst hier kein Luxus war; sie war Beruf, Erbe, Lebensweise.
Das Gefühl des Raumes
Das Licht, das durch die Fenster fällt, streift schräg über die weißen Oberflächen und betont jede Falte, jede Rundung der Skulpturen. Die Stille in den Sälen hat etwas fast Kirchliches – passend übrigens für eine Insel, auf der Glaube und Kunst stets im Dialog standen. Draußen, auf dem Platz von Pyrgos, erinnern der Schatten der Platane und die Geräusche aus den Cafés daran, dass dieser Ort sich nicht in eine leblose Museumslandschaft verwandelt hat; er lebt weiter, mit den Marmorwerkstätten, die noch immer rundherum in Betrieb sind.
Eine Tradition, die weiterlebt
Das Interesse des Besuchs erschöpft sich nicht in den Vitrinen. Wenige Schritte entfernt, im Museum der Marmorkunst, kann man sehen, wie der Stein vom rohen Block bis zum fertigen Relief bearbeitet wird. Tinos ehrt nicht nur seine Vergangenheit; die Insel bildet noch immer Handwerker aus, die weiterhin Marmor meißeln und so eine jahrhundertealte Wissenskette lebendig halten. Das Museum wirkt so wie eine Brücke zwischen den großen Meistern der Vergangenheit und jenen, die noch heute die Kunst des Meißels erlernen.
Marmor ist hier kein Stein; er ist eine Sprache, und Pyrgos spricht sie von Generation zu Generation.Tradition der tiniotischen Marmorbildhauer
Wer Pyrgos verlässt, trägt mehr als nur Fotografien mit sich. Man trägt das Gefühl, dass in diesem kleinen Dorf von Tinos ein Stück griechischer Seele geboren wurde, geduldig geformt, Schlag für Schlag, im härtesten und zugleich edelsten Material – dem weißen Marmor der Kykladen.
Nützliche Informationen
- Museum Tiniotischer Künstler, Pyrgos, Tinos, PLZ 84300
- Ansprechpartner: Gemeinde Panormos
- Telefon: 22830 31262 · Fax: 22830 31325
- E-Mail: kpanormu@otenet.gr
- Verbinden Sie den Besuch mit einem Spaziergang zu den geschnitzten Türstürzen des Dorfes und zum nahegelegenen Museum der Marmorkunst
- Pyrgos liegt im Norden von Tinos, etwa 30 Minuten von Chora entfernt