Es gibt Inseln, auf denen der Wein die Landschaft begleitet. Auf Santorin ist der Wein die Landschaft. Jeder Schluck trägt die vulkanische Eruption in sich, die die Caldera hervorbrachte, den Wind, der über die Weinberge fegt, und das Licht, das die schneeweißen Dörfer badet. Wer diese Insel wirklich verstehen will, dem genügt es nicht, sie zu sehen. Man muss sie kosten.
Der Boden, der keinem anderen gleicht
Die vulkanische Katastrophe, die Santorin vor Jahrtausenden formte, hinterließ etwas Unerwartetes: einen Boden aus Bimsstein, Vulkanasche und schwarz-weißem Sand, extrem arm an Wasser, aber reich an Mineralien. In diesem Boden finden die Reben keine reichhaltige Nahrung. Sie sind gezwungen, tief zu wurzeln, um jeden Tropfen Feuchtigkeit zu erkämpfen, den der nächtliche Tau dem Erdreich schenkt.
Das Ergebnis sind Trauben mit intensiver Geschmackskonzentration und jener charakteristischen mineralischen, fast salzigen Note, die jeder sofort erkennt, der schon einmal Wein von anderswo probiert hat. Das ist kein Zufall – es ist die Unterschrift des Vulkans.
Weinberge, die der Zeit getrotzt haben
Ende des 19. Jahrhunderts vernichtete die Reblaus fast alle Weinberge Europas. Santorin jedoch blieb verschont. Der vulkanische Sand seines Bodens erwies sich als natürliches Hindernis für das Insekt, weshalb die Insel heute einige der ältesten, reblausfreien Weinberge der Welt bewahrt, viele davon Hunderte von Jahren alt.
Der Anbau hier gleicht keinem anderen. Die Bauern flechten die Reben zu niedrigen, kreisförmigen „Körben“ auf dem Boden – der berühmten Kouloura-Technik –, damit die Trauben vor den starken Winden der Ägäis geschützt werden und ihre Feuchtigkeit bewahren. Es ist eine landwirtschaftliche Technik, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde und mittlerweile international als einzigartige Anbaupraxis anerkannt ist.
Assyrtiko: die Stimme der Insel
Wenn Santorin einen Geschmack hätte, wäre es Assyrtiko. Diese einheimische weiße Traube ergibt einen Wein mit ausgeprägter Säure, Zitrusaromen und jener charakteristischen mineralischen, vulkanischen Note, die ihn in jedem Winkel der Welt wiedererkennbar macht. Erfrischend beim ersten Schluck, mit einer Intensität, die sich langsam auf dem Gaumen entfaltet.
Die Verkostung hier ist keine bloße Formalität. Es ist ein Moment der Einkehr, sitzend auf einem Balkon oder in einem Weinberg mit Blick auf die Caldera, das Glas in der Hand, während die Sonne über Nea Kameni untergeht.
Vinsanto: das süße Erbe
Neben dem Assyrtiko verbirgt die Insel noch ein weiteres Juwel: den Vinsanto, einen Süßwein aus Trauben, die vor der Weinbereitung wochenlang in der Sonne ausgebreitet werden und dabei ihren Zucker konzentrieren. Das Ergebnis ist ein tiefer, honigartiger Wein mit Noten von Trockenfrüchten und Nüssen, der oft jahrelang in Fässern reift.
Traditionell wird er mit Festen, Hochzeiten und besonderen Momenten verbunden – ein Brauch, der seit Jahrhunderten auf der Insel gepflegt wird und bis heute in Ehren gehalten wird.
Der Wein von Santorin trinkt man nicht einfach nur; man liest ihn wie eine Geschichte, geschrieben auf Stein und Feuer.Alter Ausspruch einheimischer Winzer
Ein Erlebnis, das über das Glas hinausgeht
Der Weintourismus auf Santorin ist zu einem festen Bestandteil des Inselbesuchs geworden. Beim Spaziergang zwischen den niedrigen Weinreben sieht man mit eigenen Augen die Kouloura-Technik, riecht die Meeresbrise, die sich mit dem Erdboden vermischt, und spürt die Sonne, die einem den Rücken wärmt, während man auf die Verkostung wartet.
Viele Weingüter der Insel bieten Führungen und Verkostungen mit Blick auf die Caldera an und verbinden dabei die Geschichte des Ortes mit moderner önologischer Kunst. Es ist ein Erlebnis, das sich gleichermaßen an Kenner wie an einfache Reisende richtet, die verstehen wollen, warum diese Insel die Sinne so intensiv anspricht.
Beim Abschied von Santorin bleibt das letzte Glas Assyrtiko in Erinnerung wie das Echo des Vulkans – ein Geschmack, den man mit sich trägt, lange nachdem die Sonne über der Caldera untergegangen ist.
Nützliche Informationen
- Die Weingüter Santorins bieten in der Regel Führungen mit Verkostung an, die nach Reservierung organisiert werden, idealerweise nachmittags mit Blick auf den Sonnenuntergang.
- Der Assyrtiko g.U. Santorini und der Vinsanto sind die beiden international am meisten anerkannten Weinsorten der Insel.
- Die Anbautechnik „Kouloura“ ist weltweit einzigartig und lohnt einen Besuch aus der Nähe bei einer Weinbergbesichtigung.
- Bevorzuge die Frühjahrs- und Herbstmonate für ein ruhigeres und genussvolleres Weintourismus-Erlebnis, fernab des großen Sommerandrangs.
- Kombiniere die Verkostung mit lokalen Gerichten wie Tomatenbällchen und Fava für ein vollständiges gastronomisches Erlebnis.