Du steigst eine in den Fels gehauene Treppe hinab, und die Sonne von Milos erlischt hinter dir, als hätte sich eine Tür geschlossen. Die Luft wird kühl, fast feucht, und das Licht sinkt zu einem sanften, bernsteinfarbenen Schein herab. Um dich herum trägt das poröse vulkanische Gestein noch immer die Spuren der Werkzeuge, die es vor rund sechzehn Jahrhunderten formten. Du befindest dich in den Katakomben von Milos, einem der seltensten und bewegendsten Denkmäler des frühen Christentums im gesamten Mittelmeerraum.
Der erste große Friedhof eines neuen Glaubens
Gegen Ende der römischen Zeit, als das Christentum in der Ägäis seine ersten Schritte machte, suchte die kleine christliche Gemeinde von Milos nach einem Begräbnisort, der ihre neue Spiritualität widerspiegelte. So entstanden die Katakomben, der erste große Gemeinschaftsfriedhof der Insel dieser Epoche. Sie waren nicht bloß ein Ort des Todes; sie waren ein Ort der Begegnung, des Gebets und der Erinnerung, an dem die Lebenden kamen, um die Verstorbenen zu ehren, im Glauben an ein Leben jenseits des Grabes.
In das Herz des Vulkans gehauen
Die Geologie von Milos, dieselbe, die der Insel ihre mehr als 75 farbenprächtigen Strände schenkte, ermöglichte auch die Entstehung dieser unterirdischen Welt. Das weiche, vulkanische Gestein eignete sich hervorragend zum Aushauen, und die ersten Christen nutzten dies, um drei große, voneinander unabhängige unterirdische Gänge zu schaffen – bekannt als A, B und C –, jeder mit eigener Breite und eigenem Verlauf, ursprünglich durch kleinere Nebengänge miteinander verbunden. Heute stehen die drei Hauptgänge über neuere, im 20. Jahrhundert geschaffene Durchbrüche miteinander in Verbindung und bilden so einen einheitlichen, labyrinthartigen Komplex, der beim Durchqueren Ehrfurcht einflößt.
Kammern der Stille, Kammern der Erinnerung
Während du durch die Gänge gehst, scheint die Zeit stillzustehen. In den Wänden öffnen sich Hunderte von Gräbern, die meisten in Form gewölbter Nischen – bekannt als Arkosolien –, in denen die Körper der Toten beigesetzt wurden. Vervollständigt wird der Komplex durch eine rechteckige Grabkammer, die nach dem Vorbild der Cubicula der römischen Katakomben gestaltet wurde – ein Detail, das zeigt, wie eng die kleine Gemeinde von Milos mit den großen Zentren des frühen Christentums verbunden war. Die Stille hier ist nicht leer; sie ist dicht, erfüllt von der Gegenwart Tausender Menschen, die vor dir hier durchgegangen sind.
Ein weltweit seltenes Denkmal
Die Katakomben von Milos sind nicht nur eine lokale Sehenswürdigkeit; sie zählen zu den wenigen weltweit erhaltenen Denkmälern ihrer Art außerhalb Roms. Sie dienten Bestattungen, aber auch als Zufluchts- und Kultstätte in Zeiten der Verfolgung, bevor sie nach und nach aufgegeben wurden, als sich das Christentum etablierte und sich die Bestattungspraktiken änderten. Ihr bis heute nahezu unversehrtes Überdauern macht sie zu einem einzigartigen Zeugnis dafür, wie eine kleine Gemeinde im Südwesten der Ägäis lebte, glaubte und ihre Toten ehrte.
Im Dunkel der Gänge verspürt man keine Angst, sondern eine seltsame Nähe zu jenen, die Jahrhunderte vor einem selbst hier hindurchgegangen sind.Besucher der Katakomben
Wenn du wieder ans Licht trittst, erscheint dir die vulkanische Landschaft von Milos plötzlich anders. Du weißt jetzt, dass sich unter deinen Füßen, unter den bunten Stränden und den mondähnlichen Felsen, eine Geschichte des Glaubens verbirgt, die der Zeit standgehalten hat.
Nützliche Informationen
- Die Katakomben befinden sich in der Nähe der Siedlung Trypiti, kurz vor dem malerischen Klima, in geringer Entfernung von der antiken Stadt Milos und dem antiken Theater.
- Der Besuch erfolgt in Führungen der zuständigen Ephorie für Altertümer, zu festgelegten Öffnungszeiten, die sich je nach Saison ändern können; es empfiehlt sich, sich vor dem Besuch zu informieren.
- In den Gängen ist die Temperatur niedriger als draußen; trage auch im Sommer einen leichten Pullover oder eine Jacke.
- Wähle bequemes Schuhwerk, da der Boden uneben und die Durchgänge eng sind.
- Verbinde den Besuch mit einem Spaziergang durch die antike Stadt, das antike Theater und die Siedlung Klima für ein vollständiges Bild des historischen Milos.