Steigt man die Treppen von Ioulida hinauf, der Chora von Kea, spürt man sofort, warum dieses Dorf keinem anderen in den Kykladen gleicht. Man sieht das Meer nicht. Nicht einmal aus der Ferne erblickt man es. Amphitheatralisch an den Hang eines Hügels gebaut, verbirgt sich Ioulida absichtlich vor den Augen der Piraten, die einst die Ägäis unsicher machten – eine Entscheidung ihrer Vorfahren, die dem Ort Jahrhunderte später seinen heutigen geheimnisvollen Zauber verlieh. Hier erinnert sich der Stein.
Die Burg über der antiken Akropolis
An der Spitze der Siedlung thront die Burg, erbaut im 13. Jahrhundert vom Venezianer Domenico Michieli, direkt auf den Fundamenten der antiken Akropolis von Ioulida. Die Flügel der Zeit löschen hier nichts aus, sie fügen nur Schichten hinzu. Mittelalterliche Mauern binden antike behauene Marmorstücke, Inschriften und Säulenfragmente ein, sodass die Burg wie ein Palimpsest wirkt, geschrieben und immer wieder neu geschrieben von jeder Epoche, die hier vorbeizog.
Ioulida war einer der vier antiken Stadtstaaten von Kea – neben Karthaia, Koressia und Poiessa – und der mächtigste unter ihnen. Hier wurden der Lyriker Simonides und sein Neffe Bakchylides geboren, zwei der bedeutendsten Stimmen der antiken griechischen Dichtung, sowie der Arzt und Philosoph Erasistratos. Das Gewicht dieses geistigen Erbes ist noch immer in der Stille der Gassen zu spüren.
Der Löwe von Ioulida
Etwas außerhalb der Siedlung, auf einen natürlichen Felsen geschmiegt in einer eichenbestandenen Schlucht, erwartet Sie eines der eindrucksvollsten Bildwerke der archaischen Zeit: der berühmte Löwe von Kea. Im 6. Jahrhundert v. Chr. direkt in den natürlichen Granit gehauen, fast sechs Meter lang, steht er seit zweieinhalbtausend Jahren als Wächter der antiken Stadt. Sein Lächeln – das archaische Lächeln, das die Bildhauerkunst jener Zeit kennzeichnet – blickt Sie stolz durch die Jahrhunderte hindurch an, als bewahre es noch immer das Geheimnis der Stadt, die es einst beschützte.
Der kurze Spaziergang dorthin, durch dichte Vegetation und kühle Schluchten, ist für sich genommen schon ein Eintauchen in das grüne Gesicht von Tzia, jenes Gesicht, das die Insel so anders macht als die übrigen, kargeren Kykladen.
Ein Spaziergang durch die Gassen der Chora
Ohne Autos, mit Pflastersteinen, die in der Sonne glitzern, lässt sich Ioulida nur zu Fuß erkunden. Die verwinkelten Gassen, gewölbte Durchgänge und plötzlich auftauchende Plätze führen von den weißen kykladischen Häusern zu imposanten neoklassizistischen Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert, Zeugen einer wirtschaftlichen Blütezeit, als Schifffahrt und Handel der Insel ungewöhnlichen Wohlstand brachten.
An vielen Mauern lassen sich, bei genauem Hinsehen, eingemauerte antike Fragmente erkennen – Säulenstücke, Inschriften, Meißelarbeiten –, eingebunden in die alltägliche Architektur, als wären sie schlichtes Baumaterial. Im Archäologischen Museum von Ioulida, einem kleinen, aber reichhaltigen Gebäude im Herzen der Siedlung, werden Funde bewahrt, die den Alltag und das religiöse Leben der antiken Bewohner beleuchten, bis zurück in die minoische Zeit.
Der stille Charakter der Echtheit
Ioulida beeilt sich nicht, Sie zu beeindrucken. Es gibt hier keine belebten Bars und keine Touristenschlangen. Es gibt nur das Geräusch Ihrer Schritte auf dem Stein, den Duft der Meeresbrise, die von fern heraufzieht, und den Blick auf die Ägäis, der sich plötzlich an einer Wegbiegung öffnet, dort, wo man es nicht erwartet hat. Es ist dieses Gefühl der Entdeckung, des ziellosen Umherstreifens, das Ioulida zu einem Reiseziel für jene macht, die mehr suchen als die Postkartenidylle.
Zwischen den Ruinen und den neoklassizistischen Herrenhäusern misst sich die Zeit in Ioulida nicht in Stunden, sondern in Jahrhunderten, die harmonisch nebeneinander bestehen. Lassen Sie sich in diesem Palimpsest aus Geschichte und Natur verlieren – Tzia wird Sie mit einer Erfahrung belohnen, wie sie nur noch wenige Orte in den Kykladen bieten können.
Nützliche Informationen
- Ioulida (Chora) liegt im Inselinneren; die Zufahrt mit dem Auto endet an einem Parkplatz außerhalb der Siedlung, da das Zentrum nur zu Fuß durchquert werden kann.
- Tragen Sie bequeme, rutschfeste Schuhe – die Pflastersteine und Steigungen erfordern einen sicheren Tritt.
- Der Pfad zum archaischen Löwen von Kea beginnt am Rand der Siedlung und dauert nur wenige Minuten durch kühles Grün.
- Das Archäologische Museum von Ioulida lohnt einen Besuch, um die historische Tiefe der Gegend vor oder nach dem Spaziergang durch die Gassen zu verstehen.
- Die Vormittags- oder Nachmittagsstunden bieten das sanfteste Licht für Fotografien und die angenehmste Temperatur zum Wandern.