Es gibt einen Moment, kurz nach Sonnenuntergang, in dem die Chora von Anafi ihr Wesen verändert. Die Lichter erlöschen, das Rauschen des Windes wird stärker, und der Mond steigt langsam hinter den Felsen empor. Wer genau in den Vollmondnächten dort ist, wird verstehen, warum manche sagen, man besuche diese Insel nicht einfach nur – man erlebt sie wie eine Offenbarung.
Ein Mond über Stein und Stille
Die Gassen der Chora verfügen nicht über eine Beleuchtung wie die touristischeren Ziele der Kykladen. Ihr Licht ist in den Vollmondnächten ausschließlich natürlich: silbrig, kühl, fast metallisch auf den weißen Mauerkanten und Hausecken.
Wer zwischen den engen Durchgängen und Bögen umherwandert, spürt die Wärme des Steins, der noch die Hitze des Tages hält. Ein Hund schläft vor einem Hoftor. Eine Katze beobachtet einen von einer niedrigen Mauer aus. Nichts hat hier Eile.
Der Mythos hinter dem Namen der Insel
Anafi verdankt seinen Namen einem der schönsten Mythen der Ägäis. Als die Argonauten auf ihrer Rückkehr aus Kolchis in einem Sturm und in Dunkelheit die Orientierung verloren, flehte Jason Apollon um Hilfe an. Der Gott sandte daraufhin ein Licht, das die Insel plötzlich vor ihnen „enthüllte” – anéphane –, ihnen so Zuflucht und Rettung schenkend.
Es ist kein Zufall, dass das Vollmondlicht über der Chora Jahrhunderte später dieselbe Geste zu wiederholen scheint: Es enthüllt, Fußbreit für Fußbreit, eine Landschaft, die sich tagsüber im Sonnenlicht und in ihrer Schlichtheit verbirgt.
Anafi schreit nicht danach, bemerkt zu werden; sie wartet darauf, gefunden zu werden – genauso, wie sie einst von den Seefahrern des Mythos gefunden wurde.Überlieferte Auffassung der Inselbewohner
Der Kalamos und der Blick auf die Kretische See
Steigt man zu den höchsten Punkten der Chora hinauf, öffnet sich der Blick nach Süden. Dort in der Ferne zeichnet sich die imposante Masse des Kalamos ab, einer der höchsten Felsformationen des Mittelmeers, die über der Kretischen See thront.
Das Mondlicht breitet sich auf dem Wasser aus wie ein silberner Weg. Nichts ist zu hören außer dem Wind und, hin und wieder, dem fernen Schlagen der Wellen gegen die Felsen. Das Gefühl der Größe – des Felsens, des Meeres, der Nacht – erinnert daran, wie klein der Mensch angesichts der Natur der Ägäis ist.
Die Architektur eines Dorfes, das der Zeit trotzt
Die Chora von Anafi wurde nach und nach rund um die mittelalterliche Burg errichtet, mit Häusern, die der kykladischen Logik folgen: weißer Kalk, niedrige Dächer, schmale Öffnungen, die vor dem Wind schützen. Keine Linie ist zufällig; alles diente über Jahrhunderte dem Überleben auf einer isolierten, windgepeitschten Insel.
In einer Vollmondnacht wird diese Schlichtheit zur Poesie. Die labyrinthartigen Durchgänge, die den Besucher tagsüber verwirren, führen ihn nachts fast rituell von einer Ecke zur nächsten und offenbaren unerwartete Ausblicke auf das Meer oder auf eine kleine Kapelle, die nur von einer Öllampe erleuchtet wird.
Eine Erfahrung, die bleibt
Der Spaziergang durch die Gassen der Chora bei Vollmond ist nicht bloß ein abendlicher Rundgang. Es ist eine Begegnung mit einem Ort, der sich, ganz wie sein Mythos erzählt, nur denen offenbart, die die Geduld haben, ihn zu suchen. Anafi braucht kein Neonlicht und keinen Lärm, um zu verzaubern – ihr genügt der Mond.
Nützliche Informationen
- Prüfen Sie vorab den Mondphasenkalender, damit Ihr Spaziergang mit dem Vollmond zusammenfällt.
- Bevorzugen Sie bequemes, rutschfestes Schuhwerk, da die Gassen uneben und stellenweise steil sind.
- Ziehen Sie etwas Warmes an – der nächtliche Wind an den höheren Punkten der Chora kann selbst im Sommer kräftig sein.
- Nehmen Sie eine Taschenlampe mit für Stellen, an denen das natürliche Licht nicht ausreicht.
- Respektieren Sie die Ruhe der Bewohner, denn die Chora bleibt eine lebendige Siedlung und keine Kulisse.
- Vermeiden Sie es, ohne Erlaubnis private Höfe oder geschlossene Gebetsstätten zu betreten.