Es gibt einen Moment in Chora auf Anafi, in dem die Zeit buchstäblich ihren Schritt verlangsamt. Man sitzt an einem kleinen Tisch in den gepflasterten Gassen, die Tasse dampft vor einem, und das Einzige, was man hört, ist ein Gespräch vom Nachbartisch und, weiter entfernt, der Wind, der zwischen den weißen Häusern hindurchstreicht. Hier, am südöstlichen Rand der Kykladen, sind Kaffee und Rakomelo nicht einfach nur Getränke – sie sind das Ritual, das einen in den wahren Puls der Insel einweiht.
Das Kafenio als Institution der Kykladen
Auf jeder Insel der Ägäis ist das Kafenio mehr als nur ein Ort zum Essen. Es ist das Wohnzimmer des Dorfes, der Ort, an dem sich Generationen begegnen, an dem die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht werden und an dem der Besucher, sei es auch nur für kurze Zeit, Teil einer kleinen Gemeinschaft wird. In Chora auf Anafi, dessen Bevölkerung sich auf wenige Hundert Einwohner beläuft, ist dieses Gefühl der Vertrautheit noch stärker ausgeprägt. Man sitzt neben Seeleuten, Bauern, Reisenden, die sich vor Jahren in die Insel verliebt haben und sie eigentlich nie wirklich verlassen haben.
Der Morgenkaffee und die Stille der Insel
Der Morgen auf Anafi hat eine ganz besondere Klarheit. Der griechische Kaffee, serviert in einer kleinen Tasse mit einem Glas kaltem Wasser, wird zum Anlass, kurz innezuhalten. Sein Aroma vermischt sich mit dem Duft des Meeres und des Thymians, der von den umliegenden Hügeln herabweht. Von vielen Stellen in Chora, das nahe der antiken Siedlung Kastelli erbaut wurde, schweift der Blick frei bis zum Kretischen Meer, dort, wo der Legende nach Apollon die Insel aus den Wellen „auftauchen” ließ, um die Argonauten vor einem gewaltigen Sturm zu retten.
Rakomelo und die Wärme der Dämmerung
Während der Tag voranschreitet und das Licht schwächer wird, ändert sich der Rhythmus der Tradition. Rakomelo – mit Honig und Gewürzen wie Zimt oder Nelken erwärmter Raki – ist eine tief in den Kykladen verwurzelte Gewohnheit, ideal für die kühlen Abende, die auf den heißen Sommertag folgen. Der süße, warme Geschmack wärmt den Magen und löst die Zunge; es ist kein Zufall, dass sich rund um ein Glas Rakomelo die menschlichsten Gespräche entfalten, Geschichten von Reisenden, die ein Leben zurückgelassen haben, um hier zu leben, sei es auch nur für einen Sommer.
Blick auf den Kalamos, Blick auf die Ewigkeit
Kein Getränk wird auf Anafi ohne die Begleitung der Landschaft serviert. Von den Kafenia in Chora aus richtet sich der Blick oft auf den imposanten Kalamos, einen der höchsten monolithischen Felsen des Mittelmeers, auf dessen Gipfel das Kloster der Panagia Kalamiotissa thront. Dieser Ausblick, zwischen gekalkten Mauern und Basilikumtöpfen, wirkt fast wie eine Meditation. Man muss nicht sprechen; es genügt, das Licht zu beobachten, wie es sich auf Stein und Wasser verändert.
Auf Anafi trinkt man nicht einfach nur einen Kaffee. Man schöpft einen Atemzug der Zeit.Alter Ausdruck der Einheimischen
Eine Gewohnheit, die Einheimische und Reisende vereint
Was die Kafenia von Chora wirklich besonders macht, ist nicht nur der Geschmack des Kaffees oder die Wärme des Rakomelo, sondern die Art und Weise, wie sie Menschen mit unterschiedlichsten Lebenswegen zusammenbringen. Ein einheimischer Fischer, eine Familie, die die Insel zum ersten Mal besucht, ein einsamer Reisender mit einem Buch in der Hand – alle teilen denselben Tisch unter demselben Himmel. Es ist diese Einfachheit, ohne Eile und ohne Prahlerei, die die Besucher immer wieder nach Anafi zurückkehren lässt.
Wenn man sich vom Tisch erhebt, während der Geschmack von Kaffee oder Rakomelo noch auf den Lippen liegt, versteht man, dass das, was man gerade erlebt hat, nicht bloß eine Pause war. Es war eine kleine, kostbare Lehrstunde in der Kunst des langsamen, wahrhaftigen Lebens – so, wie sie nur eine Insel wie Anafi lehren kann.
Nützliche Informationen
- Die Kafenia von Chora befinden sich vor allem rund um den zentralen Platz und in den engen Gassen der Siedlung, in kurzer Entfernung zueinander.
- Der Morgen ist die ideale Zeit für einen ruhigen Kaffee, während Rakomelo traditionell am späten Nachmittag oder Abend genossen wird.
- Von Chora aus führen Wanderwege zum Kloster der Panagia Kalamiotissa auf dem Gipfel des Kalamos, eine Wanderung, die mit einem einzigartigen Ausblick belohnt wird.
- Es empfiehlt sich, Bargeld mitzuführen, da in vielen kleinen Geschäften der Insel Kartenzahlung nicht immer verfügbar ist.